da2011 has been a tiny 2 day festival consisting of an evening of solo presentations and a screening night. this year especially performances on/for/at video.

76 artists from 26 different countries participated this time. we would like to say thank you to everyone who contributed to the event.

da2011 was an open and uncurated festival just like the event the year before (impressions of › da2010)

da2011 was organised by marion ritzmann and stefan riebel and is part of the month of performance art, berlin (mpa-b)

we are happy that the da2011 program has been presented once more at konnektor, hannover and at caz, penzance / uk.


Immer im Kreis und doch darüber hinaus
Das Performance-Video Festival zeigt aktuelle Videos und live-Aktionen
Von Richard Rabensaat

Wankend nähert sich ein Mann durch das Dunkel. In einen langen, geschlossenen Mantel ist er gekleidet. Zuerst ein kleiner Punkt am Horizont der dunklen Fläche, dann werden seine Umrisse immer deutlicher. Etwas stimmt nicht. Ein Puppengesicht. Er öffnet den Mantel ein wenig, irgend etwas baumelt heraus. Gedärme, Kinderbeine?
Das Video von Mette Sterre ist wohl die seltsamste Performance, die das Festival „Direct Action“ im Institut für alles Mögliche in diesem Jahr erreicht hat. Marion Ritzmann und Stefan Riebel hatten, wenig spektakulär, einen Aufruf zu dem Video Festival ins Internet gestellt.
Daraufhin erreichte die unkuratierte Schau ein Berg von immerhin 78 Einsendungen aus aller Welt. Es sollten keine Dokumentationen, sondern Videoarbeiten sein, die speziell für das Medium gefertigt sind. Abende an denen vorwiegend dramaturgisch nicht aufbereitete und dementsprechend zumeist eher ermüdende Dokumentationen reihenweise herunter gespult wurden, hatte es in Berlin schon so einige gegeben. Auch der 2011 frisch ausgerufene „Monat der Performance“, innerhalb dessen „Direct Action“ stattfand, war davon nicht verschon geblieben. Das Spektrum der Filme im Institut reichte von der eher unspektakulären gefilmten Aktion des Performers, der verkleidet, vom Kofferraum kommend, umständlich über ein Auto robbt, bis hin zu der surreal anmutenden Sequenz von Mette Sterre. Auf dem Kanal Vimeo ist ein Großteil der Arbeiten auch außerhalb des Festivals unter der Adresse: http://vimeo.com/channels/da2011 - präsent.
Obwohl ausdrücklich als Video Show konzipiert gab es am ersten Abend des zweitägigen Festivals einige Life Präsentationen, die noch dazu angenehm unterfüttert waren. 15 Litern Chili Con Carne löffelten Gäste, die nach und nach im Institut eintröpfelten, aus. Dann gab es noch eine dampfende gelbe Wurzelsuppe. Seinen Alkohol geschwängerten Ausgang fand der kulinarisch gut grundierte Abend um ca. 3.00 Uhr morgens.
Und dann waren auch Künstler anwesend, das zumindest hatte der Netzkünstler Florian Kuhlmann in seiner Performance „the artist is present“ angekündigt. Mehr als nur präsent war die Kuratorin Marion Ritzmann. In eine ästhetische Reihung gebracht, zeigte sie Blätter aus ihrer „Roadline“- Serie. Die Zeichnungen der Serie charakterisiert eine ausgesprochen klare Gliederung und eine eindeutig fixierte Linearität der abgeleiteten Signaturen translokaler Bleistift-Epiphanien. „Friedrichhain-Lichtenberg 30min, Hercules bicycle/Prague Nuremberg 3h45 min, Hockenheimring 6min, radical SR racing car“ lauten die kryptischen Titel ihrer Arbeiten. Mit einem Bleistift, den sie auf ein Papier drückt, fixiert die Künstlerin die zufälligen Bewegungen während der Fahrt, beispielsweise mit einem Fahrrad oder einem Rennwagen auf dem Nürnberg Ring. Im „Institut für alles Mögliche“ balancierte Ritzmann mit unsicherem Stand, dabei aber recht elegant, auf einem flexiblen Skateboard und ließ sich von den Zuschauern durch den Raum schieben. Die dabei entstehenden Ruckelbewegungen hinterließen wiederum ihre Spur. Diese unterschied sich deutlich von derjenigen, die in einem Hochgeschwindigkeitsboliden zustande gekommen war.
Ebenso präsent war der Performer Oliver Breitenstein, von dem sich ebenfalls bereits einige Exponate an den Wänden der Galerie befanden. Mittels zweier Flügelschrauben hatte der Künstler verschiedene Bücher auf kleinen, weißen Leinwänden fixiert. Neben der schwer gewichtigen „Kritik der reinen Vernunft“ fanden sich weitere Klassiker tief gründelnder philosophischer Langstreckentaucher wie Pierre Bourdieu u.a.. Breitenstein Spezialität besteht nun darin, den an sich stillen Lesevorgang im ebenfalls stillen Kämmerlein öffentlich zu machen, dabei aber genauso geräuschlos wie im Privaten zu bleiben. Also las der Performer neben einem ordentlichen, runden, weißen Tisch sitzend in einem Buch, trank gelegentlich aus einem neben ihm stehenden Glas Bier und beendete schließlich das public reading mit dem Verschrauben des soeben konsumierten Buches wiederum auf einer Leinwand.
Anders als die beschauliche Ortgebundenheit Breitensteins stehen die Performances von Moritz Majce und Herwig Kopp ganz im Zeichen der Bewegung. Dabei ist diese allerdings nicht auf ein Ziel gerichtet wie bei Ritzmann. Genauer gesagt ist es die Kreisbewegung, die Kopp und Majce fasziniert. In einem Auto umkreisen sie Kunstmuseen, Plätze oder Häuser, mal in Amerika, Frankreich oder demnächst vielleicht in Palästina. „Wir fahren so lange, bis ein äußeres Ereignis die Fahrt unterbricht“, beschreiben die Performer ihre, soweit ersichtlich, einmal jährlich ausgeführte Aktion. Die konnte so natürlich nicht in der Galerie gezeigt werden, dafür aber ein Video davon. Die beiden Künstler umrunden in ihren Aktionen Galerien wie die white cube Galery in London und Kunstvereine oder auch schon einmal ein Haus in den USA, aus dem die Bewohner durch die Finanzkrise vertrieben wurden. Beendet ist die Veranstaltung, wenn der Sprit ausgeht, das Fahrzeug im Stau stecken bleibt, die Polizei aufkreuzt oder ein anderes externes Ereignis die weitere Fahrt stoppt. Es wirkt ein wenig, als würde die mutmaßliche Beute mit der Kreisbewegung fixiert, nur dass eben kein Zugriff auf den in Augenschein genommenen sozialen Raum erfolgt.
Dabei ist die Aktion von Majce und Kopp Konzept-Kunst in Reinform. Die Bewegung des Fahrzeuges tritt hinter dem tragenden Gedanken der Signatur des Ortes durch die Umkreisung völlig zurück. Das Ziel der Kunstaktion erschließt sich erst durch die Erklärung des Ausführenden und ist sonst nicht ersichtlich. Die beiden Künstler greifen damit unmittelbar auf Marcel Duchamp zurück. Als der vor rund hundert Jahren die Auswahl eines Pisspottes als Kunstobjekt zur künstlerischen Aktion erklärte, begründete er den Kunstbegriff als rein gedankliches Konstrukt. Seitdem ist der halbseidene Gedanke aus dem Kunst-Kanon nicht mehr zu vertreiben.
Der Werkcharakter tritt allerdings bei Performances-Videos häufig hinter dem gedanklichen Überbau der Filme zurück. Wenn Adam Gruba sich in dem Video „the Golem“ verschiedene Schnüre an die Finger knotet oder Sandy Craus im Badezimmer gurgelt, so ist das zwar nett ins Bild gerückt, der Erkenntniswert ist bei der relativ gleichförmigen Handlung allerdings gering. Die mangelnde Rücksichtnahme auf den Betrachter, der bis zuletzt hofft, die Performance würde doch noch in einen dramatischen Schlusspunkt münden, ist bei entsprechenden Videos leider eher die Regel als die Ausnahme.
Es gibt jedoch auch Gegenbeispiele, bei denen für den einleuchtenden Gedanken auch eine schlüssige Form gefunden wurde und dementsprechend das Video hübsch anzusehen ist. „Pregnant with Infinite Possibilities“ von Michelle Browne zeigt ein schönes, von Trance Musik unterlegtes Bild. Eine Frau wippt auf einer Planke in der Landschaft an einem See. Dabei beschreibt sie ästhetisch überzeugend und gedanklich klar haargenau die Bruchstelle zwischen Mensch und Natur ohne in Kitsch oder Propaganda abzugleiten. Auch bei Simona da Pozzo ist ein ausgesprochen ästhetisches Video entstanden, bei dem zwei in Kleider gehüllte Frau frei im Wasser zu schweben scheinen. Der Film beschwört diffuse „ozeanische Gefühle“ herauf, funktioniert aber als Bild dennoch.
Einen ganz anderen Ansatzpunkt finden BBB Johannes Deimling und Stefan Riebel. „Freedom“ von Deimling beginnt kleinteilig mit „Free“, als Schrift vor schwarzen Grund gesetzt, um dann gewaltig mit „Dom“ zu enden. Riebel bescheinigt dem Betrachter, dass die Worte in dem Video keinen anderen Zweck hätten, außer dem, eben von dem Betrachter gelesen zu werden. Typografisch schlicht, aber inhaltlich überzeugend spielen die beiden Künstler mit hintersinnigem Wortwitz. Dabei entsteht kein Ehrfurcht heischendes Werk, sondern ein intelligenter Dialog mit dem Zuschauer.

Alle Videos sind weiterhin unter: http://vimeo.com/channels/da2011 verfügbar.

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ALL PARTICIPANTS DA2011

ULRICH SCHÄFER, GERMANY → WEB
STEFAN ADAMSKI, POLAND
osvaldo cibils, uruguay/italy → WEB
PHILIPP SADOFSKY, USA → vimeo
CIA.EXCESSOS, portugal → WEB
Clemente Padín, Montevideo, URUGUAY → WEB
Tiziana Contino, italy → WEB
patricio ponce, ecuador → WEB
Simona Da Pozzo, italy → WEB
márcio carvalho, portugal/germany → WEB
Nicolas William Hughes, uk → WEB
Daniel Pinheiro, venezuela/portugal → WEB
bbb johannes deimling, germany/norway → WEB
linda weiss, germany → WEB
adam gruba, poland → WEB
johnny amore + mrcve (Messianic Research Centre for Visual Ethics), finland/germany → WEB
Miriam Welk, germany → vimeo
mette sterre, netherlands → WEB
florian kuhlmann, germany → WEB
Marios Chatziprokopiou, greece
Fernando Ribeiro, brazil → WEB
olliver breitenstein, germany → WEB
steffi weismann, germany → WEB
edin bajric + judith lomba, bosnia/germany → WEB
Joe M Kernbach, germany → WEB
Luciana D'Anunciacao, canada → WEB
Nicole Weniger, austria → WEB
guido solar, chile → web
Alexandra Zierle & Paul Carter, uk → web
The New Spastiks, germany/ireland → web
mobtik, germany → web
Katharina Swoboda, austria → web
Rachelle Beaudoin, usa → web
franziska streffing, germany → web
Vienne Chan, canada/germany → web
Anya Liftig, usa → web
Chris Barr, usa → web
Silvio De Gracia, argentinia → web
Donald Daedalus, usa → web
biying zhang, china/usa → web
Justyna Górowska, poland → web
Anthony Askew, turkey/uk → web
Shahar Marcus, israel → web
prOphecy sun, canada → web
Yana K.M. + TJ, indonesia/usa → web
Fred. L'Epée + Dimitra Pouliopoulou, greece → web
judith van der made, the netherlands → vimeo
Daria Dorosh, usa → web
Johan van Kreij & Mike Edgerton, the netherlands → web
Stephen Mead, usa → web
Michelle Browne, ireland → web
Ramon Chamadoira, spain → vimeo
Ana Paula Camargo, mexico → vimeo
Moritz Majce und Herwig Kopp, austria/germany → webweb
Christine Schörkhuber, austria → web
Sandra Marianne Gast, germany → web
Johannes Mundinger, germany → web
karkastix, turkey/italy → vimeo
simon steinhauser, austria → web
Margarethe Drexel, germany/austria → web
Mollie McKinley, usa → web
Tetsushi Higashino, japan → web
konstantinos-antonios goutos, greece/germany → web
Kristina Lenzi and Laina Thomas, usa → vimeo
sandy craus, germany → WEB
HUGO NADEAU, canada → WEB
Boris von Hopffgarten, germany → vimeo
marion ritzmann, switzerland → WEB
Jens Hoeffken, austria → WEB
helen acosta iglesias, spain/germany → WEB
Laura Mello, Brazil/Germany → WEB
Susanne Bartsch, germany → vimeo
hilla steinert + harri schemm, Germany → WEB
ambra pittoni, italy/Germany → WEB
stefan riebel, Germany → WEB

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